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Freitagsinfusion #92: Keine Helden

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  • Freitagsinfusion #92: Keine Helden

    Stellt euch vor, ihr sitzt in einem öffentlichen Verkehrsmittel eurer Wahl. Zwei Reihen vor euch sitzt eine Person, die euch fasziniert. Dieser Mensch ist eurer Defition nach schön, wirkt intelligent und nett und hat das gewisse Etwas an sich. Doch plötzlich wird euch klar, dass die Person der/die Antiheld/in in ihrer eigenen Geschichte ist. Schreibt eine kleine Szene, in der deutlich wird, was diese scheinbar perfekte Person den Heldenstatus kostet. Selbstverständlich könnt ihr als POV-Figur auch einen eurer aktuellen Charaktere nutzen.

    (Das könnte beispielsweise passieren, wenn die Person aufsteht, um auszusteigen oder wenn sie von einem Kontrolleur/Mitreisenden/der POV-Figur angesprochen wird oder weil etwas im Umfeld passiert – tobt euch aus!)
    ねぇ みのっち、寂しくないのかな?
    —Hey Minocchi, bist du nicht einsam?

  • #2
    Ich habe die Situation ein wenig abwandelt, aber die Aufgabe hat mich hierzu einfach inspiriert.

    Der Feigling stirbt tausend Tode, der Held aber nur einen.
    (William Shakespeare)


    B e v i n

    Als kleiner Junge liebte ich Heldengeschichten.

    Ich war ganz fasziniert von den Reisen des Odysseus, den Heldentaten des Herakles oder von Achilles’ epischen Tod in Troja. Meine Mutter konnte die antiken Heroen mit allen Details, dem Verrat, den Göttertaten und unzähligen Liebschaften rezitieren, während mein Vater ein Freund des tragischen Heldentums war und stundenlang an meinem Bett saß, um mir von Shakespeares’ Coriolanus oder Macbeth zu berichten. Als ich älter wurde, verschlang ich die Marvel-Comics und die Geschichten der Justice League. Ich bewunderte Captain America und Batman und fieberte der Zeit entgegen, in der ich selber Heldenhaftes tun würde.

    Als ich siebzehn Jahre alt war, haderte ich mit mir selbst, war voller Zweifel und Unsicherheiten. Doch ich erdete mich mit dem Gedanken, dass ich irgendwann so viel Heldenhaftes getan hätte, dass meine unschönen Eigenheiten nicht mehr wichtig wären.

    „Hey, Bevin, sieh dir das mal an!“

    Mein älterer Kollege Jörn stößt mir schmerzhaft seinen Ellbogen in die linke Seite, um meine Aufmerksamkeit auf zwei Jugendliche zu lenken, die gerade in den Bus einsteigen. Als der Bus sich ruckartig in Bewegung setzt, zieht der größere Junge seinen Freund ganz nah an seinen Körper und schlingt die Arme um ihn, damit er nicht fällt. Meine Brust zieht sich schmerzlich zusammen, während Jörn ein ätzendes Geräusch von sich gibt und das Paar verächtlich mustert.

    „Ist ja abartig“, grunzt er und schaut mich um Zustimmung heischend an. Jörn ist fast fünfzig, zehn Jahre älter als ich, grau meliert und hat in den Jahren an Körpermasse zu und an Denkmasse abgenommen. Seine schlechten Manieren und seine homophobe Einstellung hat der Kerl aus der Kinderstube mitgebracht und mir ist in all den Jahren, in denen ich ihn kenne, nicht klar geworden, warum er zu Polizei gegangen ist.
    Ich wollte etwas Heldenhaftes tun.

    „Stimmt, ekelhaft!“, bestätigte ich und schnalze vernichtend mit der Zunge. Der Kleinere ist meine Reaktion offenbar nicht entgangen, denn er dreht vorsichtig seinen Kopf, um zu sehen, wer ihn und seinen Freund so offen anfeindet. Als er uns erblickt, in den Uniformen und bewaffnet, wird er bleich und flüstert seinen Freund etwas zu. Der allerdings schließt seine Arme umso fester um den Mann und feuert wütende Blicke in unsere Richtung ab.
    Diese Provokation kann Jörn allerdings nicht hinnehmen und bevor ich ihn aufhalten kann, ist er aufgesprungen und hält den großen Kerl brutal gegen die Buswand gepresst. „Ausweis!“, bellt er und bleckt die Zähne, während ich Jörn folge und dem Kleineren, der uns mit schockgeweiteten Augen anstarrt, die Hand auf den Rücken drehe, als wären die beiden Schwerkriminelle.

    „Klar, ihr Schwuchteln!“, kommentiert Jörn - leise, damit es kein anderer Fahrgast hört,- und lässt sich bei der Ausweiskontrolle alle Zeit der Welt, als der größere Junge ihm sagt, dass er und sein Freund am Hauptbahnhof aussteigen müssen, um den letzten Zug noch zu bekommen.

    Als Jörns Haltestelle angesagt wird, gibt er den beiden ihre Ausweise zurück und wünscht ihnen süffisant einen schönen Abend. Der Kleinere hat Tränen in den Augen. Mir ist furchtbar übel und ich bin froh, als ich an der nächsten Haltestelle den Bus verlassen kann.

    Und es ist wieder so ein Tag, an dem ich mich frage, was für ein Held ich sein wollte.
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